Liberating Gelsenkirchen

Der lange Weg zum 10. April 1945

Bombenkrieg

Briten bei Nacht, Amis bei Tag

Schon früh im Zweiten Weltkrieg ging die britische Royal Air Force (RAF) dazu über Bombenangriffe auf das Deutsche Reich nur bei Nacht zu fliegen. Dadurch sollten die eigenen Verluste durch deutsche Flak und Abfangjäger möglichst gering gehalten werden. Dies ging jedoch zu Lasten der Präzision und forderte mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Britische Flugblätter

Die Flugblätter "Luftpost" wurden während zahlreichen Bombenangriffen ebenfalls von den Bombern der britischen Royal Air Force mit abgeworfen.

Auf Grund ihres Inhaltes war der Besitz dieser Flugblätter strengstens verboten, was sie heute umso seltener macht.

Die amerikanische United States Army Air Force (USAAF) flog im Gegensatz dazu nur Luftangriffe am Tage mit dem Ziel möglichst präzise Bombenabwürfe zu erreichen. Dies führte jedoch zu deutlich höheren Verlusten bei den Bombern und Besatzungen. Die Hauptursache lag zu Beginn der Einsätze über Europa im fehlenden Begleitschutz durch Jagdflugzeuge, da die Bomber entgegen den Planungen nicht in der Lage waren sich alleine zu verteidigen. In der zweiten Kriegshälfte spielte die deutsche Luftwaffe jedoch keine Rolle mehr und es waren vornehmlich Flak-Geschosse die für den Verlust von Flugzeugen und Besatzungen verantwortlich waren.

Für die Zivilbevölkerung im Deutschen Reich bedeuteten diese grundverschiedenen Taktiken im Luftkrieg der Alliierten jedoch, dass mit den ersten amerikanischen Luftangriffen auf das deutsche Reich, im Januar 1943 nun rund um die Uhr mit Bombenangriffen zu rechnen sein musste.

Flak - kleines Geschoss, große Wirkung

Flak ist eine Abkürzung und steht eigentlich für FLugAbwehrKanone. Dabei wird vom Boden aus ein Geschoss, mit speziellem Zünder auf Feindflugzeuge geschossen. Diese Geschosse explodieren dann in einer bestimmten Höhe. Durch die Splitterwirkung konnten Feindflugzeuge zum Absturz gebracht, oder deren Besatzungen verletzt oder getötet werden.

Für die Bevölkerung in der Umgebung war es wichtig sich während des Flakfeuers nicht im Freien aufzuhalten. Es kam regelmäßig vor, dass Flak-Splitter oder ganze Geschosse, als Blindgänger wieder zu Boden fielen und so eine erhebliche Gefahr auch in nicht unmittelbar bombardierten Gebieten darstellten.

Zum Kriegsende wurden vermehrt Schüler und Schülerinnen als Geschützbesatzungen eingesetzt. Viele verloren bei Tieffiegerangriffen in den letzten Kriegstagen ihr Leben.

Die deutsche Luftabwehr verwendete verschiedene Kaliber zwischen 2 cm und 8,8 cm.

Die Stadt Gelsenkirchen gibt die Anzahl der zivilen Opfer, ab dem ersten Bombenangriff am 20. Mai 1940 bis zum Kriegsende,  mit 3.092 getöteten Personen an. Über 70.000 Wohnungen wurden im Bombenkrieg beschädigt, rund 23.000 davon so schwer, dass sie komplett oder teilweise unbewohnbar waren. Erst Mitte der 50er Jahre war die Hälfte dieser Schäden repariert. Ironischerweise war die Industrie zu diesem Zeitpunkt schon weitestgehend wieder im vollen Betrieb.

Persönliche Ausrüstungsgegenstände von Angehörigen der 8th USAAF.

Besatzungen einiger Führungsbomber der USAAF bei Angriffen auf Gelsenkirchen (Fotos: National Archives, Washington D.C.)

Zerstörung der Kirche St. Franziskus am 5. November 1943

Dank eines Besuchers unserer Ausstellung "Zerstörung - Befreiung - Wiederaufbau" erhielten wir die hier gezeigten Bilder zur Zerstörung der Kirche St. Franziskus. Die Kirche steht heute noch zwischen der Franziskus- und Theodorstraße im Süden Bismarcks. Die hier gezeigten Bilder der Zerstörung wurden durch einen mutigen Anwohner am 5. November 1943 unmittelbar nach dem Luftangriff aufgenommen.

Leicht hätte das Bekanntwerden dieser Fotos dem Fotografen damals eine Anzeige wegen Hochverrats einbringen können, welche ihn entweder ins Konzentrationslager oder in eine Todeszelle gebracht hätte. Auch wenn Bombenschäden von offiziellen Stellen dokumentiert wurden, so war es Privatpersonen strengstens verboten diese Art von "Moral zersetzenden Fotos" zu machen.

Da diese Aufnahmen augenscheinlich bei Tage gemacht wurden, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Brandbomben, die zur Zerstörung der Kirche führten, von amerikanischen Bombern des 41st Bombardment Wing der 8th USAAF abgeworfen wurden.

 (Fotos: National Archives, Washington D.C. & private Aufnahmen eines Anwohners)

Hydrierwerke Scholven

Die Hydrierwerke in Scholven waren eines der Hauptziele für alliierte Bombenangriffe auf Gelsenkirchen-Buer. Die Raffinerie produzierte Benzin für die deutsche Wehrmacht und hatte somit eine entsprechend hohe Priorität bei den Planern alliierter Bombermissionen, um den kriegswichtigen Teil der deutschen Wirtschaft schnellstmöglich lahm zu legen. Mitte 1944 war das Werk durch die Bombardierungen endgültig außer Betrieb.

Insgesamt wurden, nach Angaben des Instituts für Stadtgeschichte, mehr als 50 Angriffe von Briten und Amerikanern auf die Hydrierwerke geflogen. Dabei wurden über 6.300 Bomben, davon rund 1.300 nachdem das Werk bereits stillgelegt war, abgeworfen.

Die Fotos zeigen, ab dem dritten Bild, die zerstörten Anlagen kurz nach der Befreiung Buers durch US-Truppen. Bei den Soldaten auf den Bildern dürfte es sich um Angehörige der 8th Armored Division handeln.

Heute wird die Anlage unter der Bezeichnung Ruhr Oel GmbH betrieben.

(Fotos: National Archives, Washington D.C.)

Lufbilder vom 11. & 12. Mai 1945

Die folgenden Bilder entstanden kurz nach Kriegsende durch 8th US Air Force im Rahmen der sogenannten "Trolley Mission" (oder auch "Low Level Tour/Mission", geflogen am 11. und 12. Mai 1945). Ziel dieser tief geflogenen Aufklärungsmission war es die Schäden durch Bombardements und Bodenkämpfe zu dokumentieren.

Auch Gelsenkirchen lag auf der Überflugroute und in eindrucksvollen Aufnahmen wurde die Zerstörung der Stadt im Bombenkrieg festgehalten.

Bismarck

Von Osten kommend zeigt das Foto auf der linken Seite im Vordergrund das Industriegelände rund um den Ahlmannshof. Im oberen rechten Teil ist das Bergwerk Consolidation zu erkennen. Den rechten Bildrand bildet der Trinenkamp mit der Christuskirche und am oberen Rand die Sellmansbachstraße mit den Sandsackbarrieren der Artielleriestellung, die zunächst von den Deutschen errichtet wurde und am 10. April von dem 216th Field Artillery Battalion der 35th Infantry Division übernommen wurde.

Erstaunlicherweise zeigt diese Aufnahme nur wenige schwerst beschädigte Gebäude. In erster Linie scheinen die erkennbaren Bombenteppiche dem Industriegebiet Ahlmannshof gegolten zu haben. Trotz einiger neu eingedeckter (heller aussehender Dächer) scheint dieser Stadtteil vergleichsweise glimpflich davon gekommen zu sein.


Nördliche Altstadt

Dieses Foto zeichnet bereits ein ganz anderes Bild: Aus Blickrichtung Westen  ist die Kreuzung Bismarckstraße/ Florastraße und nach unten rechts abzweigend die Sternstraße, zu sehen. Hier sind die Zerstörungen erheblich stärker als im nur wenige hundert Meter entfernten Bismarck. Deutlich sind die leeren Fassaden der Gebäude und komplett zerstörten Häuserblöcke zu erkennen. Der Grad der Zerstörung wird der Nähe zum Stadtzentrum zuzuschreiben sein. Bei Tag und bei Nacht waren die Stadtzentren die am leichtesten zu indentifizierenden Abwurfpunkte für die Bombenschützen der allierten Luftwaffen.


Schalke

Mit östlicher Blickrichtung aufgenommen zeigt dieses Bild den Stadtteil Schalke. Die Kirche im Vordergrund ist die St. Joseph Kirche. Links neben der Kirche verläuft die Grillostraße. Vor der Kirche verläuft die heutige Kurt-Schumacher-Straße, sowie im Vordergrund die Schalker Straße. In der oberen Mitte ist deutlich der Möntingplatz zu erkennen.

Deutlich sind im oberen linken Bereich die Trümmer von Industrieanlagen zu erkennen. Dabei handelt es sich um die Überreste des Geländes der "Gute Hoffnungshütte Oberhausen AG" und etwas dahinter, mit dem noch stehenden Schornstein, der Schacht II vom "Bergwerk Consolidation"  Diese Anlagen waren wohl die Ursache, warum in einer ungefähr diagonal nach unten links verlaufenden Schneise ganze Häuserblöcke dem Erdboden gleich gemacht wurden.

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