Liberating Gelsenkirchen

Der lange Weg zum 10. April 1945

Besatzung & Nachkriegszeit

Der "Feind" im Wohnzimmer und neue Gesetze

Nach der Besetzung Buers war durch den anhaltenden Artilleriebeschuss vom Südufer des Rhein-Herne-Kanals der Krieg für die Bevölkerung noch nicht vorbei. Rund um die Uhr lieferten sich Amerikaner und Deutsche Artillerieduelle, die noch zahlreichen Menschen das Leben kosten sollten. Zudem kam die übliche Praxis der alliierten ihre Offiziere und Mannschaften, die nicht im Fronteinsatz waren, in den Häusern und Wohnungen der Bevölkerung unterzubringen. Auch wenn Filme suggerieren, dass dafür hauptsächlich der Besitz von Nazi-Funktionären genutzt wurde, so traf es tatsächlich wahllos die Bevölkerung und Bewohner mussten von jetzt auf gleich ihre Häuser verlassen oder weite Teile ihrer Räumlichkeiten abgeben.

Erst mit der Befreiung des südlichen Teils von Gelsenkirchen kehrte für die Bevölkerung auf beiden Seiten des Kanals Ruhe ein.

Language Guides & Phrase Books

Während der Tage der Befreiung und auch danach waren diese Sprachführer genauso unverzichtbare Begleiter der amerikanischen Soldaten, wie zweisprachige GIs und Zivilisten. Mittels Lautsprache sollte es den Soldaten einfach gemacht werden, sich auf Deutsch zu verständigen. Kleine Comics halfen mit praktischen Alltagsbeispielen.


St. Marienhospital in Buer

Noch bevor die Kampfhandlungen um Buer vollständig beendet waren, rückten in die Krankenhäuser der Stadt bereits Mitglieder des 110th Medical Battalions ein. Ihr Ziel war es die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten ohne dabei zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

Sicherlich wurden amerikanische Verwundete mit Vorrang behandelt, jedoch waren die Männer des 110th Medical Battalions auch darauf bedacht eng mit den deutschen Ärzten und Schwestern zusammen zu arbeiten, um besonders die Versorgung der Zivilbevölkerung und der zahlreichen befreiten Zwangsarbeiter zu gewährleisten.


Militärpolizei der US Army

Es gab zwar keine Kampfhandlungen mehr, jedoch bestimmten weiterhin bewaffnete Soldaten das Straßenbild. Besonders die Militärpolizei wurde sofort in den befreiten Gebieten aktiv und sorgte dafür, dass wichtige Durchgangsstraßen frei blieben und Zivilisten sich an die Ausgangsbeschränkungen hielten. Zudem kam eine große Anzahl sogenannter "displaced persons" bei denen es sich um befreite Zwangsarbeiter und Flüchtlinge handelte, die teilweise auch unter Bewachung gestellt wurden, um Übergriffe auf die Zivilbevölkerung und umgekehrt zu verhindern.Für die Verständigung mit den zahlreichen befreiten und meist russischen Zwangsarbeitern wurden russische Sprachführer ausgegeben.


Hausdurchsuchungen

Nicht nur öffentliche Gebäude wurden durchsucht und sämtliche Unterlagen beschlagnahmt. Unter diesen Unterlagen fanden sich auch die Listen der örtlichen NSDAP-Mitglieder und Verantwortlichen in der Stadtverwaltungen. Solche Funde führten schnell zu Verhaftungen. Eine eher kuriose Episode findet sich bei der Befreiung von Gelsenkirchen, als das 134th Infantry Regiment im täglichen Journal festhält, dass keine Nazi-Flaggen gefunden werden konnten.

Eine Antwort darauf lieferte uns eine Zeitzeuging: Es wurden Röcke und Kleider aus den Flaggen geschneidert. In der Tat ist es auffällig oft, auf alten Farbaufnahmen zu sehen, dass Frauen und Mädchen rote Kleidung tragen.


Erstes Gesetzbuch der alliierten Militärregierung

Neben Süßigkeiten und Zigaretten brachten die Alliierten aber auch bereits ein eigenes Gesetzbuch für die Bevölkerung mit. Dieses zweisprachig gedruckte Gesetzteswerk wurde bereits im Jahre 1944 verfasst und sollte in den besetzten Gebieten Deutschlands das alte Gesetzeswerk der Nationalsozialisten ersetzen. Verantwortlich für die Einhaltung dieser Gesetze und die Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung war die alliierte Militärregierung.Zur 12th Army Group, aus deren Beständen dieses Exemplar stammt, gehörte vom 30. Januar bis zum 13. April 1945 auch die 35th Infantry Division an.

Amerikanische Kriegsverbrechen

Im Großen und Ganzen verlief das Zusammenleben zwischen Soldaten und Zivilisten entspannt und vielfach waren es die Soldaten, die Schokolade und Zigaretten an Jung und Alt verschenkten. Es entstanden sogar trotz des Fraternisierungsverbotes Freund- und Liebschaften. Jedoch kam es auch zu Verbrechen seitens amerikaninscher Soldaten wie dieser eindrucksvolle Auszug aus dem Journal des 134th Infantry Regiments beweißt:

[...] Während unserer gegenwärtigen Situation müssen alle gewissenhaft auf das Erscheinungsbild ihrer Unterkünfte und sich selbst achten. Dies gilt ganz besonders für die Soldaten, die nicht an der Front sind. Zivilisten werden für die Polizeiarbeit genutzt, jedoch müssen diese bei einem Vertreter der Militärregierung angefordert werden. Diese Zivilisten müssen die gesamte Zeit unter Beobachtung stehen.

Es wurden in den letzten 1 1/2 Tagen 10 Fälle von Vergewaltigungen in diesem Gebiet gemeldet. 9 davon wurden von farbigen Soldaten begangen, letzte Nacht jedoch brachen zwei weiße Soldaten in eine Wohnung ein und versuchten die Tochter der Dame des Hauses zu bedrängen. Sie rannte weg und versteckte sich auf dem Dachboden. Nachdem die beiden Soldaten die Wohnung verlassen hatten kam sie wieder herunter. Dinge dieser Art müssen gestoppt werden. Sie werden sofort untersucht und strengstens geahndet. Die Militärpolizei fand zwei Soldaten in einem Haus mit einem jungen Mädchen. Der Militärpolizist war alleine und als er den beiden Männern befahl zu gehen wurde er mit einer Pistole bedroht und sagten ihm er solle gehen und sie würden machen, was sie wollten. Nach diesem Zwischenfall sollen Militärpolizisten immer zu zweit oder zu dritt unterwegs sein und Schlagstöcke tragen. Die Militärpolizei griff zwei weitere Männer auf die mit einer Frau zusammen waren und übergab diese dem Personaloffizier eines unserer Battalions. Sie werden umgehend zur Verantwortung gezogen. Wenn die Männer nicht die richtigen Informationen zum Fraternisierungsverbot bekommen ist dies die Schuld der Kommandeure. [...]


134th Infantry Regiment Journal, 6. April 1945

Ob und in wie weit die hier beschriebene Ahndung solcher Verbrechen durch die Militärgerichtsbarkeit der 35th Infantry Division durchgeführt wurde ist nicht überliefert. Da diese Berichte bei den Regiments-Stäben aufbewahrt wurden, war es üblich keine Namen von Soldaten zu einzelnen Ereignissen festzuhalten. Ebenso ist es selten diese deutlichen Einträge zu eigenen Kriegsverbrechen zu finden, da diese Informationen nicht dem Feind in die Hände fallen sollten.

Neue Währungen, ein tragisches Unglück und der Wiederaufbau

Mit der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen wurde Gelsenkirchen als Teil der Westsektoren unter britische Verwaltung gestellt. Das Leben begann sich wieder einigermaßen zu normalisieren, die Bevölkerung erhielt eine neue Währung, trotzdem spielten Lebensmittelmarken noch bis in die 1950er Jahre eine wichtige Rolle im Alltag. Buer im Norden und Gelsenkirchen im Süden waren noch immer durch die gesprengten Brücken getrennt und nur durch eine Fähre miteinander verbunden.

Alliiertes Invasionsgeld

Mit den alliierten Soldaten erreichten sogenannte "Military Payment Certificates" Gelsenkirchen. Mit diesem Besatzungsgeld sollten alliierte Soldaten die Möglichkeit erhalten in Deutschland Waren in der jeweiligen Landeswährung zu kaufen.

Schnell stellte sich jedoch heraus, dass quer über den westeuropäischen Kontinent, besonders Zigaretten, Schokolade und Damenstrümpfe eine wesentlich bessere und "kaufkräftigere" Währung darstellten.

 

Gedenkstein für die Toten des Fährunglücks

Da in der unmittelbaren Nachkriegszeit das Material für den Wiederaufbau der Kanalbrücken fehlte, gab es zwischen Gelsenkirchen und Buer keine Fußgängerverbindung über den Rhein-Herne-Kanal. 1946 wurde daher eine Behelfs-Fähre eingerichtet. Bestehend aus zwei ehemaligen Pionierpontons (schwimmende Brückenteile) und einer Seilwinde, konnten so bis zu 80 Passagiere über den Rhein-Herne-Kanal gebracht werden.

Am 7. April 1946 kenterte die Fähre jedoch kurz nach dem Ablegen und riss dabei zwei Kinder, fünf Frauen und 14 Männer in den Tod. Die restlichen rund 60 Passagiere überlebten.

Bereits im Mai 1946 war die Fähre nach leichten Umbauten wieder im Betrieb und beförderte bis zur Fertigstellung der neuen Brücke Ende Juni 1948 rund acht Millionen Menschen.


Die Deutsche Mark

Bis 1948 war weiterhin die Reichsmark die offizielle deutsche Währung. Mit der Währungsreform vom 21. Juni 1948 wurde in Deutschland die Deutsche Mark (DM) in den westalliierten Zonen und Westberlin eingeführt. Zunächst lief diese Währung noch unter der Bezeichnung "Bank deutscher Länder". Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland änderte sich die Beschriftung der Deutschen Mark entsprechend.

Deutlich ist auf diesen frühen Scheinen noch der Einfluss der US-Dollar-Noten im Design erkennbar.


Rundschreiben des Lehrerverbandes

In diesem Rundschreiben vom Juni/Juli 1948 geht es im allgemeinen um alle wichtigen Themen, die die Lehrerschaft in der britischen Zone wissen oder mit ihren Schülern besprechen sollten.

In erster Linie geprägt vom Wideraufbau des Schulsystems und des frisch gegründeten Allgemeinen Deutschen Lehrer und Lehrerinnenverbandes (ADLLV) drehen sich die Themen rund um die Organisation des Lehrerstandes als Gewerkschaft.

Daneben werden aber auch hochpolitische Themen angesprochen, wie die Reaktion von Schülerinnen und Schülern auf die Vorführung eines Filmes, der die Judenverfolgung zum Thema hatte und die daraus resultierende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Eltern.


Lebensmittelmarken

Noch bis in die 1950er Jahre waren Lebensmittelkarten Teil des täglichen Lebens. In verschiedensten Ausführungen waren sie erhältlich, um so nicht nur Lebensmittel, sondern auch andere Bereiche des täglichen Bedarfs abzudecken. So gab es neben den Kartoffelkarten zum Beispiel auch Benzin- oder Kleiderkarten.


Schmägedicht über die deutsche Frau

Dieses Gedicht aus der Feder eines mutmaßlichen Heimkehrers, klingt auf dem ersten Blick nach einem sarkastischen Stück. Was aber dahinter steckt ist, wie der Heimkehrer seine Umwelt nach 5 Jahren Krieg nun wahrnimmt. Er verarbeitet darin nicht nur den Schock, nach so langer Zeit wieder nach Hause zu kommen und eine völlig andere Welt vorzufinden, sondern auch die tiefsitzende Ideologie und das Bild, dass er sich in kürzester Zeit selbst machen konnte.

In diesem deutlich der untergegagnenen Ideologie anhaftenden Gedicht wird der Wille der deutschen Frau, für das Überleben ihrer Familie wirklich alles zu tun, in das Gegenteil verkehrt und dazu genutzt die "Heimatfront" in ein schlechtes Licht zu stellen. Eine Ähnlichkeit zur Dolchstoß-Legende des Ersten Weltkrieges ist deutlich zu erkennen.


Wiederaufbau der Christuskirche

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren besonders geprägt vom Wiederaufbau der Stadt. Noch heute ist das Stadtbild deutlich von dieser Zeit geprägt.

Besonders der Wiederaufbau der zerstörten Kirchen war für die jeweiligen Gemeinden ein wichtiger Schritt hin zur Normalität.

Exemplarisch dafür möchten wir hier die Christuskirche in Bismarck erwähnen. Bereits 1940 wurde die Kirche durch einen Bombeneinschlag im Altarraum so sehr beschädigt, dass keine Gottesdienste mehr in der Kirche stattfinden konnten. Im November 1944 wurde die Kirche nochmals von mehreren Bomben getroffen, die zum Einsturz des Daches führten.

Über die Wiedereinweihung wurde im Dezember 1950 zweimal im Gelsenkirchener Stadtanzeiger der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, dem Nachfolger der Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung, berichtet.

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